Jamel rockt den Förster: Was wir aus Jamel mit nach Rastede nehmen

„Waaackeeen!“

Das ist nicht Wacken, das ist Jamel hier, und das ist auch gut so.“

Diesen Satz habe ich in diesem Jahr auf dem Campingplatz von „Jamel rockt den Förster“ gehört. Und obwohl er zunächst einfach nach einem Festivalwitz klingt, steckt darin ziemlich viel von dem, was diesen besonderen Ort ausmacht.

Jamel ist nicht Wacken. Es ist kleiner, persönlicher und politischer. Vor allem aber ist es ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um Demokratie sichtbar zu machen und sich rechtsextremen Strukturen entgegenzustellen.

Ein Festival als demokratischer Gegenentwurf

„Jamel rockt den Förster“ findet seit 2007 im kleinen Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern statt. Ins Leben gerufen wurde das Festival von Birgit und Horst Lohmeyer. Das Künstlerpaar hatte den Forsthof 2004 übernommen und erlebte in den folgenden Jahren, wie sich rechtsextreme Strukturen im Ort zunehmend festsetzten und das Dorf nach ihren völkischen Vorstellungen prägen wollten.

Die Lohmeyers entschieden sich dafür, dieser Entwicklung nicht schweigend zuzusehen. Sie öffneten ihren Hof und schufen einen Ort, an dem Öffentlichkeit, Begegnung und demokratisches Engagement möglich sind.

Aus einem kleinen Sommerfest für Freundinnen, Verwandte und Kolleginnen entwickelte sich das Festival „Jamel rockt den Förster“. Seitdem kommen jedes Jahr Menschen nach Jamel, um gemeinsam Haltung zu zeigen. Das Festival versteht sich ausdrücklich als Gegenwehr gegen die rechtsextreme Vereinnahmung des Ortes und möchte eine lebendige demokratische Kultur und gemeinsame Meinungs- und Willensbildung stärken.

Mehr als Musik

Natürlich spielt Musik eine zentrale Rolle. Aber wer Jamel nur als Rockfestival versteht, verpasst einen wesentlichen Teil.

Rund um die Konzerte gibt es Informationsstände, Workshops und Möglichkeiten zur Vernetzung. Menschen und Organisationen stellen ihre Arbeit vor, diskutieren über gesellschaftliche Entwicklungen und suchen nach Möglichkeiten, Demokratie und Zivilgesellschaft zu stärken. 2026 wurde dieses politische und gesellschaftliche Programm nochmals ausgebaut.

Genau diese Mischung macht Jamel so besonders.

Hier wird nicht nur über Demokratie gesprochen. Menschen erleben, wie es sich anfühlt, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich gegenseitig unterstützt.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir für unsere eigene Arbeit mitnehmen können.

Demokratie braucht Menschen, die etwas tun

Rechtsextreme Strukturen entstehen nicht von heute auf morgen. Sie wachsen dort, wo Menschen Räume besetzen, Netzwerke bilden und versuchen, ihre Vorstellungen von Gesellschaft durchzusetzen.

Demokratie kann deshalb nicht allein durch Institutionen erhalten werden. Sie braucht Menschen, die sich einmischen.

Menschen, die Veranstaltungen organisieren. Menschen, die Vereine unterstützen. Menschen, die widersprechen, wenn andere ausgegrenzt werden. Menschen, die sich vernetzen. Menschen, die für ihre Überzeugungen sichtbar werden.

Und Menschen, die anderen zeigen: Du bist nicht allein.

Genau diese Erfahrung beschreibt auch die ARD-Dokumentation „Jamel – Lauter Widerstand“. Der Film begleitet die Lohmeyers und ihr Festival und zeigt, wie aus einem persönlichen Engagement ein bundesweit beachtetes Zeichen für Demokratie und Toleranz entstanden ist.

Die Dokumentation „Jamel – Lauter Widerstand“ in der ARD Mediathek

2026: Erst Regen, dann umso mehr Gemeinschaft

Für mich persönlich begann das diesjährige Festival allerdings anders als geplant.

Der erste Festivaltag musste wegen des starken Regens abgesagt werden. Das Gelände war durch die Wassermassen so aufgeweicht, dass ein sicherer Festivalbetrieb nicht möglich war.

Am Samstag konnte es dann doch losgehen. Und vielleicht hat gerade der schwierige Start dazu beigetragen, dass sich dieser Tag besonders angefühlt hat.

Zwischen Musik, Workshops und den vielen Unterstützerständen entstanden zahlreiche Gespräche. Ich habe Menschen getroffen, die an ganz unterschiedlichen Stellen für Demokratie arbeiten. Wir haben Erfahrungen ausgetauscht, über Herausforderungen gesprochen und gemeinsam überlegt, was wir vor Ort bewegen können.

Für unser Bündnis „Demokratie feiern! Rastede hält zusammen.“ nehme ich daraus einige neue Ideen mit.

Vor allem aber nehme ich Motivation mit.

Demokratie darf sich auch gut anfühlen

In der politischen Arbeit reden wir verständlicherweise oft über das, was uns Sorgen macht. Über Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und die Gefahren für unsere demokratische Gesellschaft.

Jamel hat mir wieder gezeigt, dass unser Engagement nicht dort stehen bleiben muss.

Wir können auch über das sprechen, wofür wir kämpfen.

Für Menschenwürde.

Für Vielfalt.

Für Freiheit.

Für Solidarität.

Für ein Miteinander, in dem Menschen unterschiedlich sein dürfen und trotzdem zusammengehören.

Und wir können diese Werte gemeinsam erleben.

Mit Musik. Mit Tanz. Mit Gesprächen. Mit Lachen. Mit Begegnungen.

Das ist keine Nebensache. Es schafft Gemeinschaft. Und Gemeinschaft schafft Kraft.

Was Jamel mit unserem Bündnis zu tun hat

Auch unser Bündnis „Demokratie feiern! Rastede hält zusammen.“ möchte Menschen zusammenbringen, die sich für Demokratie und Vielfalt einsetzen.

Wir wollen sichtbar machen, wie viele Gesichter demokratisches Engagement hat. Wir wollen Menschen miteinander vernetzen und Räume schaffen, in denen Austausch, Kultur und gemeinsames Engagement möglich sind.

Dabei geht es uns nicht nur darum, gegen etwas zu sein.

Wir wollen zeigen, wofür wir stehen.

Jamel hat mir gezeigt, wie viel entstehen kann, wenn Menschen ihre Kräfte bündeln und gemeinsam einen Ort schaffen, an dem demokratische Kultur sichtbar und erlebbar wird.

Das macht Mut.

Und genau diesen Mut möchte ich mit nach Rastede nehmen.

Danke, Birgit und Horst

Ein besonderer Dank geht deshalb an Birgit und Horst Lohmeyer.

Seit fast zwei Jahrzehnten halten sie mit ihrem Festival dagegen, obwohl ihr Engagement immer wieder mit massiven Anfeindungen und Angriffen verbunden war. Nach dem Brandanschlag auf die Scheune der Lohmeyers im Jahr 2015 erhielt das Festival nochmals deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung aus der Musikszene.

Was in Jamel entstanden ist, ist beeindruckend.

Nicht, weil dort jedes Problem gelöst wäre.

Sondern weil dort Menschen immer wieder zeigen:

Wir bleiben. Wir machen weiter. Wir überlassen den Raum nicht denjenigen, die ihn für ihre menschenfeindlichen Vorstellungen beanspruchen.

Und wir machen das gemeinsam.

Mit Klarheit. Mit Ausdauer. Aber eben auch mit Musik, Freude und ganz viel Liebe.

Das ist etwas, das wir auch für Rastede mitnehmen können.

Demokratie feiern! Rastede hält zusammen.

Für Menschenwürde. Für Vielfalt. Für Freiheit. Für Demokratie.